Longevity

Longevity und Biohacking – Das Geschäft mit dem langen Leben

Die meisten von uns wünschen sich gesund zu altern. Genau hier setzen zwei Begriffe an, die in den letzten Jahren stark an Aufmerksamkeit gewonnen haben: Longevity und Biohacking. Wir verraten euch, was sich dahinter verbirgt und welche Biohacking-Tools derzeit regelrecht gehyped werden und warum.


Ein gesunder und aktiver Lebensstil sowie eine stetig verbesserte medizinische Versorgung können uns mehr gesunde und lebenswerte Jahre, mehr Leistungsfähigkeit im Alltag und einen bewussteren Umgang mit unserem wertvollsten Gut, unserem Körper, ermöglichen. Longevity und Biohacking gehen noch einen Schritt weiter – sie setzen auf Prävention, die klassische Vorsorgeuntersuchungen und Sport- und Entspannungskurse noch mal toppen. Sinnvoll oder überteuerte Selbstoptimierung?

Was ist Longevity?

Longevity kommt aus dem Englischen und bedeutet „Langlebigkeit“, bezeichnet die wissenschaftliche Erforschung von Methoden, das Leben zu verlängern und gleichzeitig die Lebensqualität im Alter zu erhalten – auch regenerative Medizin genannt.

Die Idee, das Altern zu verstehen und gezielt zu beeinflussen, ist schon lange ein Thema der Forschung. Bereits im 20. Jahrhundert begannen Wissenschaftler:innen, die biologischen Prozesse hinter dem Altern systematisch zu untersuchen. Ein prominenter Vertreter dieser Forschung ist der Engländer Aubrey de Grey. Er ist Mitbegründer der SENS Research Foundation, einer Non-Profit-Organisation im Silicon Valley, die Strategien entwickelt, um im Laufe des Lebens entstandene körperliche Schäden zu reparieren. Nach einer Fusion Ende 2024 nennt es sich nun Lifespan Research Institute. De Grey ist eine zentrale Figur der Longevity-Community und bezeichnet sich selbst als ihren „geistigen Führer“. Er vertritt die Auffassung, dass Altern als behandelbare Krankheit betrachtet werden kann. In Deutschland gilt der Biohacker Andreas Breitfeld als Longevity-Ass, über den ihr in der Arte-Doku „Unhappy“ mit der Autorin Ronja von Rönne mehr erfahren könnt.

Für ihn ist Altern vor allem eine Frage der Mechanik, nicht der Biologie:

Aubrey de Grey: „Wir altern, weil wir Maschinen mit beweglichen Teilen sind.“

Die Forschung konzentriert sich dabei unter anderem auf

  • Zellalterung und Entzündungsprozesse, die mit chronischen Erkrankungen in Verbindung stehen
  • Mitochondrienfunktion – die Energieversorgung der Zellen
  • Epigenetik – die Frage, wie Lebensstilfaktoren beeinflussen, welche Gene aktiv sind
  • Prävention durch Lebensstil, insbesondere Bewegung, Ernährung, Schlaf und Stressregulation
  • medizinische Innovationen/regenerative Ansätze, wie z. B. Stammzellforschung, Peptidtherapien oder Gentherapie (aktuell überwiegend experimentell, hochpreisig und meist nur in spezialisierten Kliniken oder Studien verfügbar)
  • Darmmikrobiom – die Gesamtheit der Darmbakterien, die über die Darm-Hirn-Achse („zweites Gehirn“) Entzündungen, Immunsystem, Stoffwechsel und sogar kognitive Prozesse beeinflussen und damit als relevanter Faktor für gesundes Altern gelten.

Für Menschen ab 50 ist das besonders relevant: Viele altersassoziierte Veränderungen beginnen lange bevor Symptome auftreten – und genau hier setzt Prävention an.

Was ist Biohacking?

Biohacking ist der praktische Teil der Longevity-Idee. Gemeint sind Methoden und Tools, mit denen Menschen ihren Körper systematisch beobachten und gezielt beeinflussen – oft datenbasiert, manchmal experimentell. Manche Biohacking-Ansätze sind alltagstauglich und niedrigschwellig, andere technisch aufwendiger und kostspieliger.

Biohacking-Tools: Von Wearables bis Hightech-Therapie

Ernährung und Ernährungsumstellung

Mediterrane Ernährung, Intervallfasten, pflanzenbasierte Kost, Reduktion von Zucker/Verarbeitetem mit dem Ziel, die Zellgesundheit zu fördern, Entzündungsreduktionen zu reduzieren und die Blutwerte zu stabilisieren.

Nahrungsergänzungsmittel (NEM/Supplements) und Infusionen

NEM wie Omega-3, NAD+, Vitamin D, Coenzym Q10, Antioxidantien, Aminosäuren, Probiotika usw. Ganz wichtig: Klärt vor der Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln und Infusionen ärztlich ab, ob euer Körper die jeweiligen Stoffe wirklich benötigt. Meist müsst ihr diese Blut-, Urin- oder Stuhltests selbst bezahlen. So sollten manche Werte zum Beispiel nur im Serum anstatt im Vollblut gemessen werden.  Auch die Qualität der Supplements ist entscheidend. So enthalten beispielsweise viele Apothekenprodukte Stoffe wie Titandioxid und Talkum, die beide in Verdacht stehen, krebserregend und erbgutschädigend zu sein. Haltet euch zudem unbedingt an die Dosierungsangaben (eine Überdosierung kann schädlich sein) und beachtet individuelle Risiken, wie Kontraindikationen und Wechselwirkungen mit anderen NEM oder Medikamenten.

Studienbeleg: Die DO‑HEALTH‑Analyse zu Omega‑3, Vitamin D und Bewegung bei Menschen ab 70 zeigt, dass eine tägliche Omega‑3‑Gabe über drei Jahre die epigenetischen Alterungs‑Marker im Schnitt um 2,9 bis 3,8 Monate verlangsamt hat. Eine Kombination aus Omega‑3, Vitamin D und regelmäßiger Bewegung zeigte sogar additive Vorteile hinsichtlich biologischem Alter.

Smartwatch (z. B. Apple Watch, Garmin, Fitbit)

Smartwatches wie die Apple Watch oder Garmin messen unter anderem Herzfrequenz, Schlafdauer, Bewegung, Aktivitätslevel und, je nach Modell, auch Herzfrequenzvariabilität (HRV). Sie unterstützen dabei, Alltagsbewegung, Erholung und Belastung besser einzuschätzen und Gesundheitsverhalten langfristig zu steuern.

Studienbeleg: Eine systematische Übersichtsarbeit zeigt, dass Wearables wie Smartwatches die tägliche Schrittzahl und körperliche Aktivität messbar erhöhen können – insbesondere bei Erwachsenen und älteren Menschen.

Oura Ring

Der smarte Oura Ring zur Messung von Schlafqualität, HRV, Körpertemperatur und Aktivität. Besonders beliebt, weil er unauffällig und stylisch ist und gute Einblicke in Regeneration liefert.

Herzfrequenzvariabilität (HRV) und Schlaf

Gelten als wichtige Marker für Stress, Erholung und altersrelevante Gesundheitsprozesse; systematische Übersichten unterstreichen ihre prognostische Bedeutung.

WHOOP Strap

Das Wearable WHOOP Strap mit Fokus auf Belastung, Erholung und Schlaf, ohne Display, dafür mit detaillierten Analysen und Trainings-Empfehlungen.

Muse Headband

Das Neurofeedback-Headband Muse, das Gehirnwellen misst und Meditation sowie Stressmanagement unterstützt – interessant für mentale Gesundheit und Konzentration.

Brain.fm oder Calm

Apps wie Calm und Brain.fm mit speziell entwickelter Musik zur Förderung von Fokus, Entspannung oder Schlaf. Gedacht für Menschen, die Meditation lieber geführt über Klang erleben.

Breathwork/Atemtechniken

Auch Breathwork ist neben Yoga, achtsamkeitsbasierte Stressreduktion (Mindfulness-Based Stress Reduction – MBSR) wie dem Bodyscan und Meditation zum Hype avanciert. Gezieltes, bewusstes Atmen (z. B. Box-Breathing, Wim Hof Methode, zirkuläres Atemtraining) kann Stress reduzieren, die Herzfrequenzvariabilität verbessern und die mentale Klarheit fördern.

Studienbeleg: Die Forschung zeigt, dass kontrolliertes Atemtraining die Parasympathikusaktivität stärkt, Stresshormone reduziert und die Erholung unterstützt.

Kälte-, Wärme- und Lichttherapie

Sauna, Kälteanwendungen wie Kältekammer, Eisbaden/Kaltwasserimmersionstherapie sowie Rotlicht/Infrarotsauna werden genutzt, um Durchblutung, Regeneration und Entzündungsprozesse zu beeinflussen. Besonders für regelmäßige Saunagänge gibt es robuste Langzeitdaten: Eine große finnische Kohortenstudie zeigte eine signifikant reduzierte kardiovaskuläre Mortalität bei häufiger Saunanutzung.

IHHT – Intervall-Hypoxie-Hyperoxie-Therapie

Bei der IHHT atmen Anwender:innen über eine Maske abwechselnd sauerstoffarme und sauerstoffreiche Luft. Ziel ist es, wie etwa beim Höhentraining, Anpassungsprozesse auf Zellebene anzuregen. Klinische Studien zeigen in Teilen positive Effekte in bestimmten medizinischen Kontexten, etwa bei mitochondrialer und kardiologischer Rehabilitation/Energieproduktion bei Vorerkrankungen wie Post COVID, Post VAC oder ME/cfs.

Für gesunde Menschen ohne Vorerkrankungen ist die Datenlage jedoch noch uneinheitlich. Dafür ist sie bei ihnen besser verträglich, da IHHT anstrengend bis zu anstrengend für Menschen mit Vorerkrankungen wie ME/cfs sein kann. IHHT wird überwiegend in spezialisierten Privatpraxen angeboten und ist mit hohen Kosten verbunden; eine Kostenübernahme durch Krankenkassen ist selten. Zudem gibt es auch sehr teure Geräte für den Hausgebrauch, die mittlerweile auch gemietet werden können. Eine ärztliche Begleitung ist allerdings immer ratsam.

Biohacking-Zentren/-Retreats

Ergänzend dazu entstehen weltweit immer mehr spezialisierte Biohacking-Zentren und Retreats. Dort werden Komplettpakete angeboten, die von MRT-Ganzkörper-Scans (z. B. YEARS) über genetische Analysen bis hin zu Infusionen, Kälte- und Sauerstofftherapien sowie personalisierten Ernährungs- und Trainingsprogrammen reichen. Diese Angebote richten sich vor allem wieder an eine zahlungskräftige Zielgruppe und bewegen sich häufig im vier- bis fünfstelligen Kostenbereich.

Für alle Biohacking-Tolls gilt: Besprecht eure Vorhaben und Behandlungen mit den Ärzt:innen eures Vertrauens, bevor ihr startet, um eurer Gesundheit und eurem Geldbeutel nicht zu schaden.

Longevity und Biohacking – gesunde Langlebigkeit den Reichen?

So groß das Interesse an gesundem Altern ist: Ein nüchterner Blick gehört dazu. Viele Longevity- und Biohacking-Angebote sind hochpreisig. Komplettpakete, Wearables, App-Abos, hochwertige Nahrungsergänzungsmittel, Diagnostik, spezialisierte Therapien oder Anwendungen wie IHHT können sich schnell zu erheblichen jährlichen Kosten summieren.

Gerade weil ein Großteil dieser Leistungen privat finanziert werden muss und nicht Teil der Regelversorgung ist. Kritiker:innen weisen deshalb darauf hin, dass Longevity und Biohacking vor allem ein Lifestyle-Thema für finanzstarke Zielgruppen ist – statt ein breiter Präventionsansatz.

Auch wissenschaftlich gilt: Nicht jede Methode ist gleich gut belegt. Viele Effekte sind kontextabhängig, individuell unterschiedlich oder bislang nur in spezifischen medizinischen Settings untersucht. Biohacking kann unterstützen, ersetzt aber keine bewährten Grundlagen, die in Teilen ja sogar dazu zählen wie regelmäßige Bewegung, ausgewogene Ernährung, erholsamer Schlaf, soziale Einbindung – 8 Aktivitäten gegen Einsamkeit im Alter – und medizinische Vorsorge.

Longevity und Biohacking bieten dennoch spannende Perspektiven für gesundes Altern. Sie liefern Werkzeuge, Daten und neue Denkansätze. Gleichzeitig sind sie kein Muss, kein Garant und oft kein günstigerer Weg.

Und zu guter Letzt: Gesund altern heißt nicht, alles unentwegt zu optimieren, denn was haben wir von einem längeren Leben, wenn wir dadurch vergessen, zu leben?

 

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Titelbild: © Adobe Stock – Halfpoint

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